FC Lugano: Wie Joe Mansueto den Tessiner Klub zum Boutique-Club transformiert

Vom Konkurs zum Boutique-Club: Die Mansueto-Ära beginnt

Die Geschichte des FC Lugano ist geprägt von dramatischen Höhen und Tiefen. Nach dem Konkurs 2002 – ausgelöst durch den Suizid des damaligen Präsidenten Helios Jermini und Schulden von über 100 Millionen Franken – kämpfte sich der Verein über die AC Lugano zurück in die Super League. Seit August 2021 schreibt der Klub unter dem US-amerikanischen Milliardär Joe Mansueto, Gründer des Finanzdienstleisters Morningstar, ein neues Kapitel. Mansueto, der auch den MLS-Club Chicago Fire besitzt, übernahm den Verein vom langjährigen Besitzer Angelo Renzetti und verfolgt dabei ein klares Konzept: den FC Lugano als „Boutique-Club“ zu etablieren.

FC Lugano: Wie Joe Mansueto den Tessiner Klub zum Boutique-Club transformiert
© Vincenzo.togni (CC BY-SA 4.0)

„Mach Lugano zu einem Boutique-Klub. Boutique gleich klein und fein – und damit ist auch gesagt, dass wir keinen Grössenwahn leben wollen“, beschreibt CEO Martin Blaser die Vision. Der ehemalige Marketingchef des FC Basel und Geschäftsführer von GC verbindet tessinerische Verwurzelung mit internationalen Einflüssen. Das Ergebnis: eine „fast surreale Herrlichkeit und Leichtigkeit“, die sich in sportlichen Erfolgen äussert – etwa dem Cupsieg 2022 gegen den FC St. Gallen oder dem zweiten Platz in der Meisterschaft 2024.

Strategische Vernetzung: Die Chicago-Connection

Das Investment Mansuetos ist Teil eines wachsenden Trends der „Multi-Club Ownership“. Während ausländische Investoren bei Grasshoppers (Fosun) oder Lausanne (Ineos) oft scheitern, setzt Lugano auf eine strategische Verzahnung mit Chicago Fire. Der ehemalige FCB-Sportchef Georg Heitz fungiert als Direktor in Chicago und verantwortet gemeinsam mit dem Technischen Direktor Sebastian Pelzer das zentralisierte Scouting für beide Vereine. Die Datenanalyse-Abteilungen arbeiten synchronisiert, Spieler rotieren zwischen den Kontinenten.

Beispiele für den erfolgreichen Austausch: Der Algerier Mohammed Amoura, für 1,2 Millionen Euro verpflichtet, erzielte acht Tore in der Meisterschaft. Der Argentinier Ignacio Aliseda und der Ecuadorianer Jhon Espinoza wechselten von Chicago nach Lugano, während der Schweizer Maren Haile-Selassie den umgekehrten Weg ging. „Es ist nicht sein Antrieb, mit dem Klub Geld zu verdienen. Aber er möchte zeigen, dass sein Team etwas zum Laufen bringt“, sagte Heitz über Mansuetos Motivation. Der Besitzer habe „Stabilität in den Verein gebracht, mit einer klaren Idee“, bestätigt Pierluigi Tami, Direktor des Schweizer Nationalteams.

Die AIL-Arena: Investition in die Zukunft

Das Herzstück des Projekts ist das neue Sport- und Eventzentrum (PSE) im Quartier Cornaredo, dessen AIL-Arena voraussichtlich im Mai 2026 eröffnet wird. Mit rund 8.150 überdachten Sitzplätzen und einer maximalen Kapazität von 10.000 Zuschauern soll das Stadion den Anforderungen der Super League und internationaler Wettbewerbe genügen. Besonders bemerkenswert: Obwohl der FC Lugano nur Mieter ist, investiert Mansueto massiv in die Infrastruktur.

Luxus für Mieter

Insgesamt fliessen 16,42 Millionen Franken in das Projekt – 12,7 Millionen für Infrastrukturmassnahmen wie einen hybriden Rasen, Medien- und Gastronomieräume sowie 3,7 Millionen für die digitale Transformation des Klubs. „Es ist etwas Aussergewöhnliches, vielleicht Unwiederholbares, das ich in meiner Erfahrung im Schweizer Fussball noch nie gesehen habe“, schwärmt Blaser. Das „Boutique“-Konzept sieht 100 exklusive Premium-Sitze im Top-Level-Bereich vor – ein Gegensatz zum 72-jährigen alten Cornaredo, in das „man freiwillig eigentlich gar nicht gehen möchte“.

Finanzierung und Infrastruktur

Das Gesamtprojekt PSE umfasst neben der Arena eine Sporthalle (3.000 Plätze), Verwaltungsgebäude und Wohnkomplexe mit einem Volumen von 393 Millionen Franken. Während der Bauzeit trägt der FC Lugano seine Heimspiele in der Stockhorn Arena in Thun aus, da das alte Cornaredo teilweise abgerissen wird. Die Stadt Lugano sicherte sich finanzielle Beiträge des Bundes (bis zu 5 Millionen Franken) und des Kantons (17 Millionen Franken), doch die ursprünglich geplante Finanzierung über die Credit Suisse wurde nach deren Zusammenbruch unsicher. Alternativ prüft die Stadt nun die Emission eines festverzinslichen Arena-Wertpapiers.

Sportliche Ambitionen und Nachwuchsförderung

Mansueto formuliert klare Ziele: „Wir haben die Ambition, die Liga zu gewinnen. Und ich denke, es ist eine sehr realistische Ambition.“ Nach den Plätzen vier, drei und zwei in den vergangenen Jahren soll der Titel folgen. Realistischer positioniert sich Blaser: Das jährliche Cupsieg-Ziel und die Top-4-Platzierung in der Meisterschaft seien das unmittelbare Ziel, während ein Angriff auf YB und Basel langfristig schwierig bleibe.

Neben dem sportlichen Erfolg investiert Lugano in die Infrastruktur des Nachwuchses. Ab Juli 2026 kooperiert der Club mit dem Amateurverein U.S. Giubiasco in der Nachwuchsarbeit. Lugano übernimmt dabei die Ausbildung der Elite-Teams von U15 bis U21, während Giubiasco die jüngeren Jahrgänge (FE-12 bis FE-14) betreut. Die internationale Wahrnehmung stärkt der Club durch die Teilnahme an der Conference League, die bisher rund 7,2 Millionen Euro an Prämien einbrachte.

Im Vergleich: Ausländische Investoren im Schweizer Fussball

Während der FC Lugano als Erfolgsmodell für „Multi-Club Ownership“ gilt, zeigen andere Beispiele die Risiken. Bei den Grasshoppers herrscht nach dem Rückzug von Fosun Orientierungslosigkeit, bei Lausanne-Sport fehlt unter Ineos die klare Strategie. Mansuetos Ansatz unterscheidet sich durch finanzielle Zuverlässigkeit (Forbes schätzt sein Vermögen auf 5,7 Milliarden Dollar) und kulturelles Gespür. „Es gibt Vorgeschichten in Lugano, die so seltsam kontrastieren mit dieser neuen Herrlichkeit“, erinnert Tami an die düsteren Jahre.

Der FC Lugano beweist, dass ausländisches Kapital funktionieren kann – wenn es mit strategischer Geduld, lokalem Respekt und dem Anspruch verbunden ist, „das beste Boutique-Stadion Europas“ zu schaffen. Das neue Cornaredo soll nicht nur Fussball, sondern auch Konzerte und Stadtleben bieten – ein Game Changer für den Tessiner Fussball.